Sonntag, 2. Juli 2017

Wikinger und Westslawen - die Kleidungsfrage




Kein Bild von der "civitas magna Slavorum" verfügbar?

Eins haben sowohl "Wikinger" wie "Westslawen" gemeinsam: keine, bzw. wenig, eigene Überlieferung in Bild und Schrift. Chronisten aus geistlichem und (entsprechend seltener) weltlichen Kontext begegneten der fremden Welt mit verschieden Intensionen und Aufgaben. Diesen wiederum stellen sich heute Wissenschaftler mit Werkzeugen der Quellenkritik. Ihren Ergebnissen liegen Forschungsfragen zugrunde, die oft nicht die Erwartungen und Wünsche der Kostümrecherche für Illustrationen und/oder Living History treffen (und treffen können).  Trotz wertvoller Hinweise entsteht die Welt der materiellen Kultur aus Funden/Befunden mit unintendierter und zufälliger Überlieferung. Und diese Welt entsteht ständig neu, da Forschung und Interpretation permanent (auch an Wochenenden) stattfindet. Darüber hinaus lassen sich aus dem Speichergedächtnis, den Assmanns sei Dank, wissenschaftliche Ergebnisse, Bilder und Programme der letzten ca. 150 Jahre abrufen. Dieses Angebot, oder auch Überangebot, ist kaum überschaubar.  

Je häufiger ein Bild gezeigt wird, desto vertrauter wird es. Durch mediale Bilderflut erscheinen "Wikinger" lebensnah in historischer Wahrheit. Schalenspangen als "Trachtschmuck" bilden fast ebenso vertraute Marker wie Trägerkleider mit großflächigen Stickereien und einem erstaunlichem Maß an Brettchengeweben. 

Aber wie sieht es eine knappe Autostunde von Haithabu entfernt aus?
Zum Beispiel in der "civitas magna Slavorum" - Oldenburg in Holstein?

Bleiben wir einen Moment im mutmaßlich sicheren Hafen - bei den Hafenfunden von Haithabu. Eine Fülle wunderbarer Textilen - aber von wem eigentlich? Inga Hägg sieht die Stoffreste in enger Beziehung zu den Bewohnern der Siedlung - von Kaufleuten und Handwerkern [1]. Ohne die ethnische Deutung des Fundkomplexes scheint es kaum möglich Fragment für Fragment auf mutmaßliche Wikinger, Slawen  (noch aus Reric???) oder gar Personen aus dem Rheinland (?) aufzuteilen. Verkürzt, wie es für populäre Darstellungen kaum anders möglich ist, wird aus Fragment 22 A-C[2] dann schnell eine Wikingerhose. Das soll nicht die Freude darüber trüben in Anbetracht der spärlichen Überlieferungslage für Textilen überhaupt eine Hose zu kennen. Mechthild Müller erkennt eben diese auf verschiedenen zeitgenössischen Abbildungen bildlich dargestellt für völlig andere Kontexte und Personengruppen[3].

Was ist das Eigene im Fremden?
Joachim Herrmann scheint völlig seiner Zeit und den Forschungspradigmen der DDR verpflichtet [4]. Es ließ sich ein wunderbares und geschlossenes Bild gewinnen, wunderbare Textilfunde aus dem "Osten" schienen integrierbar - ein Bild, das sich leider in meinen eigenen ersten (Laien-)Aufsätzen aus den 1990ern farbenfroh spiegelt. Wer heute in die Thematik einsteigen möchte, kann anders starten. Einen Überblick zur "Archäologie der westlichen Slawen" stellte 2008 Sebastian Brather vor (2. Auflage). Ein guter Start zur Suche nach den überlieferungsbedingt spärlichen textilen Spuren. Vielleicht ist dabei Zeit für einen kleinen Umweg über Bornholm, für das Magdalena Naum im 2008 erschienenen "Homelands lost and gained" auf die Möglichkeiten eingeht Migranten aus Holstein anhand ihrer Grabbeigaben auszumachen.
Zu den spärlichen zeitgenössischen Frauenabbildungen gehört das kleine Figürchen aus Briest[5], grobe Umrisse von Männern, wie die Bildplatte aus Altenkirchen, Kreis Rügen, sind etwas häufiger. Während das Bild von Kontur und Idealbild verschwommen bleiben muss, jedenfalls was die Kleidung angeht, liefern textile Artefakte Details. Gelegentlich tun das auch Artefakte aus Leder, wie z.B. der hervorragend erhaltene Schuh aus Schardorf, Kr. Plön [6] oder Werkzeuge zur Textilproduktion wie Webgewichte, Nadeln und Spinnwirtel.

Fundorte, die mit Erhaltung von textilem Material aufwarten können, bleiben rar. Noch nicht in vollem Umfang veröffentlicht sind die Ergebnisse aus Oldenburg i.H. Einen Überblick über die Gräber legten Ingo Gabriel und Thorsten Kempe 2011 vor. Details zu mineralisierten Spuren organischer Anhaftungen lassen sich im 2003 von Ingo Gabriel und Heidemarie Farke veröffentlichten Aufsatz nachlesen.

Grade für einen Hauptort wie Oldenburg in Holstein stellt sich die Frage nach der Übernahme von "Luxusprodukten" bei den lokalen Eliten. Die Stirnbinde (Vitta) aus Kindergrab 69 und die mutmaßliche Ärmelborte, hergestellt unter Verwendung von Goldlahnfäden westeuropäischen Typs[7], geben neben Bauresten wertvolle Indizien.

Dieser Problemaufriss scheinbarer Sicherheit der Wikingerbilder gegenüber den nebulösen Abbild ihrer Nachbarn in Ostholstein, Meckenburg-Vorpommern und weiteren angrenzenden Gebieten kann weder eine umfassenden Literatursammlung zur textilen Artefakten im westslawischen Siedlungsgebiet liefern, noch Lösungen auf dem Weg zu verlässlichen Bildern für beide Bereich anbieten. Tatsächlich kann jede Diskussion jedoch ein Anstoß zum Nachdenken sein - und ein kleines Stolpersteinchen (wir kennen in Ostholstein den berühmten "spitzen Stein") zum Umgang mit vorgefertigten Geschichtsbildern.

An den Schluss meiner Betrachtung möchte ich etwas Werbung setzen. Zum einen für die 2012 erschienen Veröffentlichung zur jungslawischen Feuchtbodensiedlung von Parchim-Löddingsee, Kr. Parchim mit einem Beitrag zu den Textilfunden an Anja Bartel. Hier findet sich eine vielzahlwertvoller Literaturhinweise für weiterführende eigene Recherche.

Zum anderen gibt es Werbung für die diesjährige Archäotechnika im Pauli-Kloster Brandenburg, die unter dem Motto "Deutsche und Slawen im Mittelalter" steht. Dort werde ich mit einem Textil-Infostand und Vorträgen zu Kostümen vertreten sein.




Mein Gestaltungsvorschlag für Oldenburg i.H. / Starigard um 1000. 
Foto aus 2011 (Ruine Kaiserwerth/Düsseldorf). Foto: Heinz-Peter Crumbach


Literatur:

Brather, S.: Archäologie der westlichen Slawen. Berlin/New York 2008 (2. Auflage).

Gabriel, I.: Hofkultur, HJeerwesen, Burghandwerk, Hauswirtschaft. In: Müller-Wille, M. Hrgs.: Starigard/Oldenburg Ein slawischer Herrschersitz des frühen Mittelalters in Ostholstein, Neumünster 1991 (181-250).

Gabriel, I. & Farke, H.: Mineralisierte Spuren organischer Auflagerungen an metallenen Beigaben des 10. Jahrhunderts von Oldenburg/Starigard in Holstein. In: Textilien aus Archäologie und Geschichte: Festschrrift für Klaus Tidow. Neumünster 2003, ( 165-17).

Gabriel, I. & Kempe, T.: Starigard/Oldenburg: Hauptburg der Slawen in Wagrien. VI Die Grabfunde: Einführung und archäologisches Material. Neumünster 2011.

Hägg, I.: Die Textilfunde aus dem Hafen von Haithabu, Neumünster 1984.

Heindel, I.: Riemen- und Gürtelteile im westslawischen Siedlungsgebiet. Berlin 1990.

Herrmann, J. (Hrsg.): Die Slawen in Deutschland: Ein Handbuch, Berlin 1970.

Müller, M.: Die Kleidung nach Quellen des frühen Mittelalters: Textilen und Mode von Karl dem Großen bis Heinrich II. Berlin/New York 2003.

Müller, D.: Schartorf: Eine slawische Burg in Ostholstein und ihr Umland. Neumünster 1990.

Müller-Wille, M. Hrgs.: Starigard/Oldenburg Ein slawischer Herrschersitz des frühen Mittelalters in Ostholstein, Neumünster 1991.

Naum, M.: Homelands lost and gained: Slavic migration and settlement on Bornholm in the early Middle Ages. Lund 2008.

Paddenberg, D.: Die Funde der jungslawischen Feuchtbodensiedlung von Parchim-Löddingsee, Kr. Parchim, Mecklenburg Vorpommern, Wiesbaden 2012.


[1] Hägg 1984, 11
[2] Hägg, 1984, 28
[3] Müller 2002, 66-71
[4] Herrmann, 1970, 3ff.
[5] Heindel 1990, 98.
[6] Meier 1990, Tafel 40.
[7] Gabriel 1991, 203.




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