Montag, 26. Juni 2017

Wikingerkleidung - noch mal (fast) 10 Jahre weiter ........

Anfang 2008 habe ich an einem Artikel für das Sonderheft "Wikinger" der Zeitschrift Pax & Gaudium gearbeitet. Mein letzter Artikel vor einer Art schriftlichem Winterschlaf mit Beginn des Studiums und der Teilnahme an der NESAT-Tagung in Kopenhagen 2008.

Im Jahr 2010 erschien eine gekürzte und mit einem Fremdfoto versehene Version des Artikels in der Zeitschrift "Miroque".

Auf Nachfrage stelle ich den vollständigen Artikel (unverändert) hier ein. Das Foto zeigt meinen damaligen "Stand der Dinge" in Sachen Wikinger-Kleidung aus dem Jahr 2004 bei einem Auftritt zusammen mit Jörg Nadler im Garten des Haithabu-Museum in Schleswig. Das war noch vor Baubeginn der Häuser auf dem Gelände.

Ein Hinweis vorab: Es handelt sich um einen Zeitschriftenartikel, darum sind keine Fußnoten gegeben.





Kleidungsrekonstruktion oder
Wikingermode aus dem Versandhaus -
eine kritische Betrachtung

Ich kann mich noch genau erinnern, wie erschrocken ich war, als mir zum ersten Mal klar wurde wie die Fundlage zur Kleidung in der „Wikingerzeit“ sich wirklich darstellt. Das ist mittlerweile 10 Jahre und viel Geld für Fachliteratur her. Zeit für einen Rückblick.

Wikingerkleidung in der Forschungsgeschichte
Der Wunsch nach einer anschaulichen Vermittlung von Geschichte hat – besonders in den skandinavischen Ländern – eine lange Tradition. Kleidung ist ein bestimmender Faktor, um ein lebendiges Bild vergangener Epochen zu schaffen. Kostümentwürfe für historisierende Filme und Theaterstücke wurden schon Ende des 19. Jahrhunderts mit Schmuckstücken und Waffen aus dem archäologischen Fundgut dekoriert. In einigen Fällen spiegelte sich der damals aktuelle Forschungsstand wieder – andere Kostüme sind ein reiner Spiegel des Zeitgeistes. Manche Details und Entgleisungen verfolgen das populäre Bilder der Wikinger Bumerang-artig: der berüchtigte Hörnerhelm, die rot-weißen Segel der Wikingerschiffe …
Eine der ersten umfassenden wissenschaftlichen Betrachtungen zur Kleidung der Wikingerzeit findet sich in den Bänden zu einem der bedeutendsten Gräberfelder dieser Epoche, der seit 1871 bekannten Siedlung auf der Insel Björkö im Mälar-See: die Frühstadt Birka. Der durch Agnes Geijer 1938 veröffentlichte Band III enthält die Auflistungen der textilen Funde sowie die Einordnung der Funde in den Kontext der Textilforschung. Ebenfalls auf das Fundmaterial aus den Gräbern von Birka stützt sich die 1974 erschiene Veröffentlichung von Inga Hägg „Kvinnodräkten i Birka – Die Frauentracht von Birka“.
Die wohl größte Menge an erhaltenen Textilfragmenten für unseren Kontext kam aus Fundzusammenhängen der Frühstadt Haithabu in der Nähe von Schleswig zu Tage. Die  Funde wurden 1984 und 1991 durch Inga Hägg publiziert. In allen Übersichtswerken zu Textilfunden im Norden finden sich auch Artikel zu wikingerzeitlichen Fragmente. Bekannte Beispiele sind die Funde von Mammen und Oseberg, die in der Bearbeitung ebenfalls wichtige Hinweise zum Verständnis der Trachtsitten im Norden erbracht haben.

Ein lebendiges Bild schaffen – wie geht das?
Um aus den wenigen erhalten Textilfragmenten – das größte in Birka aufgefundene Fragment eines Hängerocks ist ca. 20 cm lang – ein Bild eines kompletten Kleidungsstücks zu schaffen, sind viele Überlegungen nötig.
Die wichtigste Rolle spielen die erhaltenen Realien. Dabei finden nicht nur Stücke der originalen Stoffe Beachtung, sondern auch die detaillierte Analyse der Lage im Grabzusammenhang und die Einordnung in Schichten. Auch die Anordnung der Trachtbestandteile aus Metall gibt Hinweise auf die Trageweise der Kleidung. Voraussetzung ist natürlich immer die Annahme, dass die Verstorbenen zwar in einer festlichen, aber doch im Leben wirklich getragenen Kleidung bestattet sind. Für diese Annahme gibt es jedoch in vorchristlicher und auch in der frühen christlichen Zeit sehr viele Belege. Im nächsten Schritt können die Textilfunde in den Kontext früherer und zeitlich späterer Funde gestellt werden. Für das frühe Mittelalter kann auf eine Fülle von zeitgenössischen Abbildungen und Textquellen zurückgegriffen werden. Die Auswertung dieser Quellen kann mit den Funden und Befunden in Zusammenhang gesetzt werden. Eine letzte Möglichkeit ist das hinzuziehen von Trachtbeispielen aus der neuzeitlichen Volkskunde. Diese Methode hat jedoch seit der Zeit der frühen Forschung an Bedeutung verloren.



Der Teufel sitzt im Detail – Analyse der Gewebe
Trotz schlechter Erhaltungsbedingungen können auch kleine Fragmente von Textilien sehr viele Informationen zu den verwendeten Stoffen und Rohmaterialen liefern. Häufig sind Überreste von Geweben an Schmuckstücke aus Metall ankorrodiert – die eigentliche Faser ist zerstört – aber der Abdruck erlaubt mit geeigneten Methoden eine Analyse von Material und Verarbeitung. Mit chemischen Verfahren ist es bei Textilresten aus Feuchtbodenerhaltung in einigen Fällen möglich, die ursprüngliche Farbe zu bestimmen. Mit chemischen Methoden lässt sich bei Fasererhaltung auch aus kleinsten Materialmengen die Herkunft der Fasern (bei Wolle) bestimmen oder klären, ob das Material z.B wirklich ein Überrest chinesischer Seide ist.
Auch zu technischen Fragen können kleine Fragmente Aufschluss geben: Nähte, Randkanten und auch die Fadenstruktur selbst liefern bei fachgerechter Analyse viele Informationen. Ein Blick in nachgewiesene Nahtverbindungen ist vor Anfertigung eines Kleidungsstücks sehr hilfreich – auch bei der Anpassung der Stichart- und Länge. Die Feinheit vieler historischer Nähte ist ein Ansporn für penibles Arbeiten. Randkanten von Geweben geben Hinweise auf die Webtechnik und die verwendeten Webstühle und ergänzen so die in der Siedlung aufgefunden Geräte (und Gerätefragmente) zur Textilherstellung.

Genau lesen … oder wichtige Quellenkritik!
Ein Beispiel gegen die Verallgemeinerung von als christlich betrachteten Kleidungssitten und die unreflektierte Übernahme von gesellschaftlichen Allgemeinplätzen ist die Kopfbedeckung der Frauen. Kopfdeckungen habe verschiedene Aufgaben zu erfüllen: zum einen sollen die Haar geschützt und am Platz gehalten werden, zum anderen ist eine Kopfbedeckung eine eindrucksvolle Möglichkeit, wertvolle Materialen zu verwenden. Kopfbedeckungen finden in Schriftquellen wie z.B. den erst viele Jahre nach dem Ende der Wikingerzeit niedergeschriebenen Sagas Erwähnung. Viele der Texte wurden schon im vorletzten Jahrhundert übersetzt und werden aktuell neu bearbeitet – mit neuen Erkenntnissen. Die zeitgenössischen Schriftquellen sind mehrheitlich im klösterlichen Kontext entstanden und spiegeln ein sittliches Idealbild – also nicht zwangläufig den realen Alltag. Das Fundmaterial ist häufig so fragmentiert oder spärlich, dass keine genaue Aussage möglich wird. So ist die detaillierte Auswertung von wikingerzeitlichen Kopfbedeckungen aus Dublin ein besonderer Glücksfall. Wertvolle Tücher, Schals und Kappen machen es wahrscheinlich, dass Kopfbedeckungen in jedem Alter getragen worden sind. Die alte Lehrmeinung vom Kopftuch der verheirateten Wikingerinnen ist zu überdenken – der oft gehörte Lehrsatz von den freien Heidinnen, die stolz die langen Zöpfe zur Schau trugen, sogar haltlos.


Kleidung als Spiegel der Gesellschaft?
Die besonderen Bedingungen, unter denen sich organische Materialien erhalten, sind besonders häufig für „reiche“ Bestattungen gegeben. Ein Beispiel sind die Fragmente von Textilien, die an Schmuckstücken aus Metall erhalten blieben. Auch die zeitgenössischen Abbildungen zeigen meist die Spitze der Gesellschaft. Aus diesem Grund lässt sich über die Kleidung der einfachen Leute fast keine Aussage treffen. Abstufungen in den Bestattungen können aufgrund der Beigaben aus Metall festgehalten werden, lassen sich aber nur in sehr beschränktem Maße auf die Gesellschaftsstruktur übertragen. Erschwerend kommt dazu, dass nur sehr wenige Gräber erhalten geblieben sind. Noch weniger Gräber konnten nach modernen Maßstäben erforscht werden. Ein Ergebnis ist jedoch klar herauszustellen: zu einer hochwertigen Schmuck und Waffenausstattung gehören hochwertige Textilen. Ein Schwert – als Waffe der Elite – passt nicht zu grober ungefärbter Wolle. Folgt man im Lebensbild der durch die Waffe vorgegebene herausragende Stellung in der Gesellschaft, ist der Griff zu Seide, Goldlahn und anderen hochwertigen Materialen nahe liegend.

Die wissen es auch nicht genau! – Textilforschung und Reenactment
Die Textilforschung hat vielfältige Aufgaben zu erfüllen – die Frage nach dem Aussehen der Kleidung ist nur eine Einzige davon. Das aktuelle Bild einer „typischen“ Bekleidungsrekonstruktion ist umstritten und nicht immer klar greifbar – schon ein einziger Neufund kann alles verändern. Außerdem ist es wichtig immer zu bedenken, wie spärlich die Fundlage ist. Gleichzeitig geben kleinste Hinweise aus der Analyse von Fragmenten Anhaltspunkte in bestimmte Richtungen. Immer sollte bedacht werden, dass eine Tracht der Oberschicht in der historischen Zeit Statussymbol und Wertanlage gewesen ist. Diesem Prinzip sollten die Anfertigungen im Detail folgen – lieber mehr lesen, weitere Ergebnisse abwarten und auf hochwertige Materialen sparen …

Fakten, Fakten, Fakten … Welche Funde liegen vor?
Die umfangreichsten Funde von textilem Material liegen aus der Frühstadt Haithabu vor. Unterteilt werden können die Funde nach Überresten aus den Gräbern, der Siedlung und aus dem Hafen. Im anderen bestimmenden Fundkomplex, der Frühstadt Birka, sind die Textilien in Gräbern erhalten geblieben. Es gibt sehr viele weitere Fragmente aus kleineren Fundkomplexen, die sich in der Literatur nachvollziehen lassen. Für die Rekonstruktion der Trachten im Gesamtbild sind in erster Linien Fundkomplexe und Fundumstände maßgeblich, die Hinweise auf die Gestaltung der Kleidungsstücke gegeben. Die Zuordnung von Textilfragmenten zu bestimmten Kleidungsstücken ist nicht immer unumstritten – wie beispielsweise die Diskussion um das Fragment eines Kapuzenkragens (Gugel) aus Haithabu zeigt. Letztendlich können nur viele Hinweise zusammengeführt werden – immer natürlich vor dem Hintergrund, dass es möglicherweise starke regionale Unterschiede in der Gestaltung der Details gegeben hat. Die Möglichkeiten zur Rekonstruktion sollen im Folgenden an einem Beispiel aufgezeigt werden:
Einige Hinweise zum Hängerock
Den Zusammenhang zwischen dem "germanischen" Peplos, einem rundgewebtem Schlauchkleid, dass auf den Schultern mit Fibeln gehalten wird, und dem Hängerock legte A. Gejir bereits in ihrer Veröffentlichung „Birka III“ 1938 dar. Viele neue Hinweise haben seit dem den Hängerock als Kleidungsstück zu den im Norden, aber auch in einigen russischen Gebieten verbreiteten Schalenspangen gefestigt. Zum genauen Aussehen und dem Schnitt dieses Kleidungsstücks sind die Hinweise jedoch spärlich. Funde von Fragmenten aus Haithabu  (größte Abmessung 30,0 x 16,0-23,0 cm) legen ein enges Kleidungsstück nahe, dass erst über den Hüften weiter wurde und aus mehreren Stücken konstruiert war. Details der Fragmente aus einer Bestattung, die in der Nähe von Köstrup, Insel Fünen, DK, aufgefunden wurden, legen durch viele Falten unterhalb einer Besatzborte zwischen den Schalenspangen ein weites Kleidungsstück nahe. Alle Hinweise deuten jedoch auf ein geschlossenes Kleidungsstück hin, dass durch schmale Träger aus textilem Material (vermutlich genähte Stoffstreifen von ca. 0,5 cm Breite) an Schlaufen in den Spangen gehalten wurde.
Dieses Bild wird durch einen spektakulären Neufund aus Pskov (Russland) bestätigt. In einem Kammergrab, dass möglicherweise dem wikingischen Bevölkerungsanteil zuzurechnen ist, wurde unter dem Boden der Grabkammer in einem Behältnis ein ganzer Satz Frauenkleidung aufgefunden – unter anderem ein in großen Fragmenten erhaltener, mit farbigen Seidenstreifen besetzter Hängerock mit Schalenfibeln. Die wissenschaftliche Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen – die erste Präsentation der Ergebnisse zeigt jedoch ein sehr weites, rundum geschlossenes Kleidungsstück mit schmalen Trägern. Der vermutlich aus der zeichnerischen Umsetzung des Wikingerbildes stammende Entwurf eines Kleidungsstücks aus zwei schmalen Stoffbahnen mit breiten Trägern wird auch durch diesen Fund noch unwahrscheinlicher.

Die Trachten im Ostsee-Raum – Bevölkerungsgruppen und Tracht
Für die Frühstadt Haithabu wird eine bunte Mischbevölkerung angenommen. Das macht die Zuordnung der Textilfunde aus dem Hafen und der Siedlung schwierig. Es ließen sich einige Leitformen herausarbeiten – die Zuordnung zu „Volkstrachten“ ist allerdings umstritten. In der Forschung wird angenommen, dass  die einzelnen Bevölkerungsgruppen versucht haben, sich durch Kleidung abzugrenzen – wie auch durch Schmuck und unterschiedliche Bestattungssitten. Immer muss dabei allerdings bedacht werden, dass alle „Modephänomene“ sich größtenteils auf die Oberschicht beschränkt haben. Eine Übertragbarkeit von Zierelementen auf „einfache“ Materialen ist zwar nicht auszuschließen – scheint aber anhand der Quellenlage nicht wahrscheinlich. Zu Vermuten ist beispielsweise, dass Brettchengewebe als Zierelement aus hochwertigen Materialen wie z.B. Seide und Goldlahn eine keine simplen Entsprechungen aus grober Wolle hatten.
Eine einschneidende Veränderung der Bekleidung geht mit der Übernahme des Christentums einher. Inwieweit allerdings eine tatsächliche „Glaubenskopplung“ angenommen werden kann, wird sich nicht klären lassen. Die regionaltypischen Trachtbestandteile aus Metall, die auch tragende Bestandteile z.B. der Hängeröcke sind, verschwinden und machen einer in ganz Europa verbreiteten Tracht, die als Schmuckelement nur eine einzelne Fibel benötigt, Platz. Ausnahmen sind bestimmte slawische Bevölkerungsgruppen in Deutschland und die baltischen und finnischen Bevölkerungsgruppen im Norden.
Die Übernahme der so genannten Kontinentalen Tracht ist nicht auf die Kleidung der Frauen beschränkt. Die Textilfragmente aus dem reichen Männergrab von Mammen deuten auf eine Tracht, die beim europäischen Adel üblich gewesen ist. Die Vorstellung eines reichen „Wikingers“ mit Beinlingen, Tunika und Halbrundmantel kann nicht als abwegig betrachtet werden. Die bekannte und in vielen Ausstellung gezeigte Rekonstruktion mit bestickter Tunika, einem mit zartem Murmeltierpelz gefüttertem Halbrundmantel mit einem pinken Bindeband mit Goldapplikationen mag nicht zum Bild des wilden Wikingers passen  - ist aber ein Denkanstoß.

Literaturangaben und weiterführende Informationen gern per Mail!
Sylvia Crumbach, Duisburg
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Tipps zum Weiterlesen:
Informationen um Fundkomplex Pskov

Hägg, I. Kvinnodräkten i Birka, Uppsala 1974 (mit Zusammenfassung in Englischer Sprache)
Hägg, I.: Die Textilfunde aus dem Hafen von Haithabu, Neumünster 1984
Hägg, I.: Die Textilfunde aus der Siedlung und aus den Gräbern von Haithabu, Neumünster 1991

Price N. S., Neil: The Viking Way, Religion an War in Late Iron Age Scandinavia, Uppsala 2002
Analysen interessanter Grabinventare und anschauliche Interpretationen