Mittwoch, 28. Januar 2015

Prachtmantel



Mantel im "Thorsberg-Design"

Teil 1: Making of .....

Ich habe eine Vorliebe für große Textilien. Möglicherweise liegt das an meiner ersten Ausbildung und Berufstätigkeit im Bauhandwerk. Wie auch immer: große rechteckige Tuche aus der Eisenzeit, bereits 1911 von Richard Stettiner als "Prachtmäntel" bezeichnet (1), begeistern mich. Diese Begeisterung hat drei verschiedene Ebenen, aus diesem Grund wird diese Micro-Reihe im Blog auch drei verschiedene Teile haben. Anders als ich sonst vorgehen würde, steht am Anfang nicht die Geschichte der Forschung und die Geschichte der Inszenierung von Anfertigungen. Dieses Kapitel wird den Abschluß bilden. Zuerst soll es um die Anfertigung von Textilen gehen, dann um die Präsentation, die Möglichkeiten und Grenzen von textilen Displays.

Aber trotzdem beginnt es mit einer Art von "Forschungsgeschichte". Ich mag Brettchenweben, Kostüme und Eisenzeit. 1999 habe ich in Quedlinburg bei Veranstaltung "Krieger, Knecht und Kugeltopf" Jörg und Dirk Nadler kennen gelernt, man blieb in Kontakt und seit dem kenne ich das große hell- und dunkelblau karierte Textil um das es in diesem Aufsatz gehen soll. Nach einem Besuch in der alten, noch Karl Schlabow gestalten, Ausstellung im Textilmuseum Neumünster im Jahr 2000 und der Idee ein Kostüm (zu dem Zeitpunkt noch für Living-History Zwecke) für den Zeitbereich der erste Jahrhunderte nach Chr. zu machen, ging es an die Planung und Praxis Stoffe und Brettchenweben zu Verbinden. Für die ersten Versuche mussten IKEA-Decken und diverse, zum Teil sehr schöne, Stoffe aus moderner Textilproduktion herhalten. Bei meinen Projekten waren mir zwei Einschränkungen sehr bewusst. Zum einen die durch die modernen Webbreiten eingeschränkten Abmessungen der fertigen Rechteckmäntel (besonders in Relation zu einen groß und stämmig ausgefallenen Ehemann), zum anderen die vielen Kompromisse bei Material und Technik. Einen Schritt weiter gehen konnte ich ab 2003. Vermittelt durch Holger Ratsdorf erreichte mich ein Paket mit zwei wunderbaren Textilen gefertigt von der Weberei Rosenwinkel e.V., Friedland. Ein rot/blau karierter Stoff und ein herrlicher Rautenköper in beeindruckenden Abmessungen. Ersterer wurde Teil der Installation "Wagengrab von Bell" im Rheinischen Landesmuseum Bonn. Parallel habe ich meine Arbeiten dokumentiert und immer wieder vorgestellt (2). Neben der praktischen Arbeit war die Literaturrecherche ein zentrale Punkt meiner Beschäftigung mit Textilen. Zum einem in Bezug auf Forschungsliteratur, zum anderen in Bezug auf die Darstellung und Verwendung von textilen Rekonstruktionen und Geschichtsillustrierenden Textilen.


Brettchenweben und die "technische Lösung" 2003

Das große hell- und dunkelblau karierte Tuch ist zu einer sehr persönlichen Geschichte geworden. Nach dem Tod von Dirk Nadler habe ich es geerbt und es ist ein liebes Erinnerungsstück geworden. Angefertigt 1996 von einer Handwebmeisterin mit der ich nach 2006 viele Projekt geplant und durchgeführt habe, ist schon das Gewebe an sich sehr interessant. Jörg Nadler legt großen Wert auf seine Fischereiausstattung - aber anders als viele andere Männer - auch auf eine hochwertige textile Ausstattung. So spiegelt das Tuch in gewisser Weise auch die Weiterentwicklung von Kostümen außerhalb der Sphäre musealer Rekonstruktion (3). Als Vorlage für das große hell- und dunkelblau karierte Tuch diente der "Mantel 12" F.S. 3686 aus dem Thorsberg Moor in Süderbrarup, Schleswig-Holstein. Die Angaben aus der Literatur wurden mit den damaligen Ideen und Möglichkeiten kombiniert. Die Wolle für das Tuch ist mit Waid gefärbt (zur Färbemethode habe ich leider keine Angaben). Das Tuch ist, anders als im Original mit Kettfäden in Z-Drehung und Schlussfäden in S-Drehung, in Kette und Schuss mit gezwirnten Garn gewebt. Die für das Original ermittelte Fadenstärke von weniger als 1 mm wird nicht erreicht und damit auch nicht die Feinheit des Grundgewebes. Um die brettchengewebten Kanten darzustellen wurden die Kanten umlaufend mit zusätzlichen weißen Fäden in Ripsbindung ausgeführt. Das Tuch hat die beeindruckende Größe von 180,0 x 330,0cm, ohne Berücksichtigung der einfach eingedrehten Fransen.

Bei der Planung eines Projekts 2008 hat mir die Weberin das Probestück für den Mantel von Jörg Nadler angeboten. Den ersten "Auftritt" das das Gewebe 2009 als Vitrinendekoration in der Varusschlacht-Ausstellung 2009 im Teilbereich "Mythos", Lippisches Landesmuseum Detmold.
"DER THORSBERG-MANTEL" ist ein populäres Textil - fast ein Star unter den "Prachtmäntel". Das war immer wieder ein Grund eine der (wirklich vielen) anderen Vorlagen zu wählen, wie zum Beispiel die wunderbaren Fragmente aus dem Vennemoor mit brettchengewebten Kanten, angefertigt mit mehr als 120 Kärtchen. Aber ab Winter 2013 musste es dann doch in Mantel im "Thorsberg-Design" werden. 

Beide Tücher im Vergleich: rechts mit Ripskanten, links mit brettchengewebten Kanten


Bei der Vorbereitung des Gewebes wurden die Ripskanten aufgelöst um die Schlussfäden für die brettchengewebten Kanten zu gewinnen. Die Kanten sind an das Gewebe angewebt. 

Die breite Kante: 178 Kärtchen im Einsatz

Die schmalen Kanten, im Original die Seitenkante und Anfangskante des Gewebes, sind ohne Fransen ausgeführt. Die Fäden aus dem Gewebe wurden in das Fach des Brettchengewebes eingelegt, der Brettchenstapel gedreht und als nächster Schluss dann zwei weitere Fäden eingelegt, die Schussfäden aus dem vorhergehenden Schuss jedoch durch das Fach zum Gewebe zurück gelegt. Die Fäden sind damit gesichert, der überstehende Faden kann abgeschnitten werden.

 
Die beiden den breiten Kanten wurden 2 Fäden als Schuss eingelegt, jedoch nicht zurückgeführt. Zu jeweils sechs Fäden ist ein weiteres Fadenpaar eingezogen und die Fäden dann zu Fransen aus jeweils 8 Fäden mit gedrillten Enden eingeflochten. 
Ausgeführt wurden die Kanten mit Wolle 20/2 (naturweiß und dunkelblau herkömmlich gefärbt)
Durch die Vorbereitung zum Anweben ist das Tuch etwas kleiner geworden (das Probestück hatte zwar die selbe Breite, war aber nicht so lang wie der fertiggestellte Mantel)
Abmessung: 156,0 x 237,0 cm, einschließlich Kanten, ohne Fransen.
Die Anfertigungszeit für die Kanten, einschließlich der Vorbereitung, betrug ca. 350 Stunden.

Fazit:

Im Vergleich der beiden Tücher läßt sich ersehen, dass die Hauptwirkung durch das wunderbare Karo-Muster des Stoffs entsteht. Bei meiner Version sind es in erste Linie die üppigen Fransen, die einen Unterschied machen. Wählt man einen ungemusterten "einfachen" Stoff, drängen sich die Borten gern in den Vordergrund. Der hochwertige Eindruck macht sich an der Flächenwirkung und der beeindruckenden Größe des Gewebes fest.
Hat sich der Einsatz bei 350 Arbeitsstunden, unzähliger Hörbuch-Krimis, Weingummi und Rückenschmerzen gelohnt?
Wenn es um den Blick auf das Detail geht, bestimmt. Die breiten Kanten aus feinem Garn (178 Kärtchen, Webbreite 15,5 cm) und die ebenfalls durch Einweben ein entstanden Ecken mit den üppigen Fransen produzieren einen sehr hochwertigen (und arbeitsintensiven) Gesamteindruck.
Allerdings ist, wie bei allen Anfertigung außerhalb des Eigenbedarfs, der optische Nutzen gegen die Kosten abzuwägen.
In Fall der Kanten: Details gegen die Gesamtwirkung.



Die hier gezeigten Bilder sind Werkstattaufnahmen. 
Dazu kommt, dass das Wetter schlecht und der Mantel nicht sehr fotogen war.



Wie sich ein hochwertiges Textil in Szene setzen läßt, zu welchem Zweck und zu welcher gewünschten Aussage versuche ich im Teil 2 darzulegen.


Diskussion und Rückfragen sind herzlich willkommen!



Anmerkungen;
(1) Stettiner 1911, S. 46
(2) Crumbach 2006, S. 96
(3) Bender-Joergensen 1993, S. 111

Literaturangaben (Auswahl):

Bender-Joergensen, L.: Ancient costumes reconstructed. In: NESAT V Textilsymposium Neumünster, Neumünster 1993, S. 109-113.

Bender-Joergensen, L.: Forhistoriske txtiler i Skandinavien, Kopenhagen 1986.

Crumbach, S.: Bunte Tuche, prachtvolle Borten. In: Keefer, E.: Lebendige Vergangenheit - Vom archäologischen Experiment zu Zeitreise, Stuttgart 2006, S. 96-97.

Möller-Wiering, S.: War and Warship. Textiles from 3rd to 4th-century AD Weapon Deposits in Denmark an Northern Germany. Oxfors 2011.

Noergard, A.: A Weaver´s Voice: Making Reconstruktions of Danish Iron Age Txtiles. In: Gleba, M., Munkholt, C., Nosch, M.-L. (Hrgs.) Dre4ssing the Past. Oxford 2008. S. 43-58.

Schlabow. K.: Textilfunde der Eisenzeit in Norddeutschland, Neumünster 1976.

Stettiner, R. 1911: Brettchenweberei in den Moorfunden von Damendorf, Daetgen und Thorsberg. Mitteilungen des Anthropologischen Vereins in Schleswig Holstein 19, 1911, S. 26-56.

Links:

Jörg Nadler http://www.historischerfischer.de/
Weberei Rosenwinkel e.V. http://www.rosenwinkel.de/

Donnerstag, 15. Januar 2015

Archäologisches Landsmusum Herne

Am 23.1.2015 findet eine Veranstaltung zur Ausstellung "Das weiße Gold der Kelten" statt.

Beim letzten Mal durften wir Textilen präsentieren, dies Mal wird es um Ernährung gehen.



Ein Bericht mit Bilder findet sich auf der Blog-Seite des Museums:

Montag, 5. Januar 2015

Rezension "Der Legionär als Leistungssportler"



Buchbesprechung

Pause, C. (Hrsg.): Der Legionär als Leistungssportler; Die Leistung römischer Soldaten auf dem Prüfstand, Neuss 2014.

Autoren: Carl Pause, Norbert Mersch, Andreas Heinen und Sascha Severin
ISBN 978-3-93654268-4
47 Seiten, viele farbige Abbildungen

In den vier in diesem Heft erschienenen Aufsätzen befassen sich die Autoren mit der Ausstattung und Kleidung römischer Soldaten, der Kleidung sowie körperlichen Belastungs- und Erfahrungsaspekten.

Carl Pause bespricht auf Basis von Sach- und Schriftquellen die Ausstattung der Soldaten, ausgehend von der Bewaffnung bis hin zur Ausbildung und Versorgung.
Für mich und meinen Bereich - die Textilien also - ist der Aufsatz von Norbert Mersch besonders spannend. Ausgehend vom Papyrus BGU 7 1564 und unter Einbeziehung weiterer schriftlicher Quellen sowie zeitgenössischer Abbildungen legt Norbert Mersch die Entwurfs-Basis seiner rekonstruierten Militärtunika vor. Die Anfertigung überzeugt nach der Quellenlage und bietet Anregungen für weitere eigene Recherchen.
Andreas Heinen und Sascha Severin befassen sich mit Überlegungen zu körperlichen Aspekten. Im Rahmen der Ausstellung "Grenzenlose Gaumenfreuden - Römische Küche in der germanischen Provinz" (Neuss 2011) wurden als Gemeinschaftsprojekt vom Clemens-Sels-Museum, der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Neuss und der Dormagener Firma leistungsdiagnostik.de Tests zur mutmaßlichen Ausdauer römischer Soldarten durchgeführt. Der Fragestellung an den Versuch lag eine Auswertung zeitgenössischer Quellen für Rekrutierung und Ausbildung römischer Soldaten zugrunde.
Im letzten Aufsatz des Hefts befasst sich Norbert Mersch mit Fragen zur Nutzung nachgefertigter Ausstattung und den eigenen Erfahrungen bei einem nachgestellten Marsch auf einer Teiletappe. Kritisch geht er dabei auf die Phänomene der Römergruppen und den Aktivitäten im Bereich Living-History ein.

Bei einem Umfang von 47 Seiten ist keine allumfassende Abhandlung zu erwarten. Allerdings werden viele neue Fragen vor dem Hintergrund der mittlerweile bestehenden 30 Jahre Praxis (Dr. Markus Junkelmann 1985) in Sachen "lebendiger römischer Soldaten" aufgegriffen. Die Ergebnisse sind spannend und werfen ein neues Licht auf die, möglicherweise als zementiert gesehenen Dress-Codes der Darstellerszene.



Zu beziehen ist das Heft über das Clemens-Sels-Museum Neuss