Dienstag, 9. Dezember 2014

Brettchengewebe Unterhaching



Mut zur Lücke?

Die Erhaltung von organischem Material ist spärlich, der Wunsch nach anschaulicher Darstellung groß. Die Motivationen sind so verschieden wie die Möglichkeiten. Ich bin keine Living-History-Darstellerin, aber ich mache und präsentiere Kostüme.

Das schafft mir die Möglichkeit einige Probleme nicht zu haben. Übernachtungen in Zelten oder praktische Selbstversorgung per Tontopf und Lagerfeuer.

Allerdings ist der Blick auf Kostüme in Vitrinen oder auf Illustrationen ein anderer, vielleicht ein genauerer. Solange ich meine Kostüme auf eigene Rechnung mache (wenn auch mit der leisen Hoffnung, dass das eine oder andere einen bezahlten Auftrag nach sich zieht), muss ich nur für Versicherungssumme kalkulieren, was mein Aufwand in Euro wert ist.

Beteilige ich mich an einer Ausschreibung und möchte mehr als nur ein müdes Lächeln erreichen, sieht die Sache anders aus.

Ein hochwertiges Kostüm und die Recherche dazu? Oder Mut zur Lücke?

Hier sind ein paar Beispiele zu einem kleinen Textil, dem mutmaßlichen Fragment einer Vitta (Stirnbinde).
Im Schädelbereich fanden sich zierliche Goldstreifen (Schauseite ca. 3 mm für die längste Flottierung, Breite der Goldstreifen ca. 0,5 mm), die zu einem brettchengewebten Schmuckband gehört haben könnten.

Da keine Überreste des Trägermaterials vorhanden sind, fiel die Wahl auf Seide. Für diese Visualisierung habe ich ein 7 mm breites Brettchengewebe aus Nähseide gefertigt (15 Brettchen). Die flottierenden Goldblechsteifen sind mit Goldlahnfäden dargestellt. Auf der Rückseite des Gewebes wurde ein Futter in Seide angebracht. Alle Materialen sind herkömmlich gefärbt. Das dunkle Blau und kräftige Rot sollen die Wertigkeit des textilen Schmuckstücks unterstreichen.

Breite des fertigen Stücks: 7 mm, Länge 90,0 cm
Arbeitsaufwand ca. 12 Stunden, Materialkosten ca. Euro 5,--

Visualisierung 1:
Detail vom fertigen Band - hier könnte ein Maßstab oder Größenvergleich mit einer Münze ergänzt werden.



Visualisierung 2:
Das fertige Band liegt auf einem hochwertigen Seidentuch.



Visualisierung 3:
Die Flechtfrisur betreffend, habe ich Anleihen bei den Zopffragmenten aus dem Grab der hl. Balthild (!) * in der Abtei Chelles genommen (meine Zöpfe sind zwar ähnlich dünn, jedoch nicht rot gefärbt).
Tragemöglichkeit als Stirnband





Meine Idee war, dass das fertige Band spontan an ein "Goldkettchen" - also an einen zierlichen Schmuck erinnert. Sicher würde sich ein Kostüm anhand der Metallbestandteile erstellen lassen, dabei wäre es möglich die erhaltenen Stofffragmente als "Leitfaden" für die Auswahl und Anfertigung der Stoffe zu verwenden. Die Metallbestandteile an sich sollte ein guter Gold/Silberschmied fertigen können.
Der Hinderungsgrund sind in den Fall sowohl der Zeitaufwand, wie auch die Kosten.

Bleibt die Frage wie viel Kostümzwang für die Visualisierung hochwertiger Textilen und/oder Funde und Befunde möglich und wünschenswert ist.
Schon für dieses kleine Teil war eine Fülle von Kompromissen notwendig. Diese lassen sich beschreiben, erklären und transparent machen.

Bei anderen Brettchengeweben ist es einfacher Nachbildungen zu schaffen, jedoch basiert das gezeigte Bändchen auf Fragmenten mit einem plausibel erklärten Verwendungszweck.

Wie immer in Sachen Textil ..... bleibt es schwierig.



* Schreibweise siehe Literaturangabe

Literatur:
Nowak-Böck, B., von Looz, G.: Mit Seide und Pelz ins Grab: Die Textilen aus den frühmittelalterlichen Gräbern von Unterhaching (Lkr. München. In: Banck-Burgess, J., Nübold, C. (Eds.): NESAT XI - The North European Symposium for Archaeological Textiles XI 10-13 May 2011 Esslingen am Necker, Rahden/Westf. 2013. S. 173-181.

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik, Bonn und dem Ruhrlandmuseum Essen (Hrsg.): Krone und Schleier - Kunst aus mittelalterlichen Frauenklöstern, Bonn 2005. S. 246.