Samstag, 16. Februar 2013

Ein paar Gedanken zum Begriff "Rekonstruktion"
 ....... insbesondere was textile Dinge angeht

Seit ein paar Jahren verfolgt mich der Begriff "Rekonstruktion".

Wir erschließen uns den Blick auf die Vergangenheit und aus unserem Wissenstand und Kontext. Bei der Anfertigung von Gegenständen, die die Sicht auf die Vergangenheit zu visualisieren vorgeben, gilt das auf zwei Ebenen. Zum eine was den Inhalt betrifft und zum anderen was die Umsetzung angeht.
Lutz Niethammer hat in "Kollektive Identität - Heimliche Quelle einer unheimlichen Konjunktur"" aus dem Jahr 2000 für die Verwendung bestimmter Begriffe die Formulierung "Plastikwort" (S. 33 ff.) vorgeschlagen. Wenn ich für mich aufrufe in welchen Kontexten der Begriff "Rekonstruktion" verwendet wird, erinnert die Bandbreite mich spontan an ein solches Gummiband.

Geht man die Begründungen für die Begriffsverwendung durch, verändert sich das Bild.
Rekonstruktion als Veranschaulichung der eigenen Vorstellung mit den eigenen Mitteln -
allerdings häufig mit der Einschränkung über die Anfertigung der Selben zu einer eigenen Vorstellung der Vergangenheit finden zu wollen.
Oder noch haptischer: über die Ausübung einer Technik das Fremde und Trennende zwischen unserer Wirklichkeit und den Fragmenten einer Vergangenheit überwinden zu wollen, zu der keinen lebendige Erinnerung bestehen kann. Also nicht mit dem Fahrstuhl, sondern mit dem Webstuhl in die Vergangenheit. Mit dem spirituellen Brückenschlag über die Ausführung einer Technik.
Die Verwendung des Begriffs "Rekonstruktion" für die Anfertigungen von textilen Werkstücken scheint dabei einem internationalen Code anzugehören und erfüllt noch weitere Merkmale aus dem Katalog den Lutz Niethammer unter Berufung aus Uwe Pörksen anführt.
So schafft die Verwendung des Begriff, neben der Beherrschung komplexer Handarbeitstechniken, eine Art internen Expertentums, das insbesondere dort gern abgerufen wird, wo es auf Dekoration ankommt. Das heißt z.B. in der Öffentlichkeitsarbeit und im Bereich der Medien.

Die Arbeit mit Öffentlichkeit und Medien ist ein Markt, der bedient werden will. Und dem alten Slogan "Sex sells!" folgend, verkauft sich das Apfel mit Bio-Label besser als ein Apfel, ein schlichtes Modell. Der Begriff verselbstständigt sich über den inflationären Gebrauch und das attraktive Label.

Für mich persönlich heißt das, wenn ich ein Band webe - habe ich ein Band gewebt. In dem einen oder anderen Fall durfte ich ein Blick auf das Original werfen - entweder weil das Stück der Öffentlichkeit zugänglich ist, oder weil ich das Glück hatte im Rahmen eines Auftrags oder Praktikums ein Stück näher betrachten (wie z.B. 2009 die Thorsberg-Hose). In vielen Fällen ist es möglich mit publizierten Material (Bilder + Beschreibungen) zu Arbeiten. Beginnend mit einer Technikstudie beim Erstellen des Webbriefs, kann ich dann über die Materialauswahl ans Weben gehen. Und mein Ergebnis ist ein Band - eine textile Vorstellung, wie ein winziges Fragment losgelöst vom ursprünglichen Kontext und mit für mich nicht nachvollziehbarer Wirkung auf den Zeitgenossen.

Das Band bleibt ein bestenfalls eine textile Illustration meiner - ebenso bestenfalls wissenschaftlichen - Welterschließung. Und aus der Positionierung der Welterschließung heraus bin ich - ohne Anspruch auf Qualität und Vollständigkeit - in der Lage das Werkstück in eine komplexe Visualisierung einzubinden.

Fortsetzung folgt ……..


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