Freitag, 1. November 2013

Abstrakt zum Vortrag

bei der diesjährigen EXAR-Tagung in Linz.


http://www.exar.org/voorbeeld-pagina/conference-2012/?lang=de
 
 
Mit dem Webstuhl in die Vorzeit!

Textilforschung und Rekonstruktion textiler Techniken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Ausblick auf die Folgen am Beispiel Brettchenweben

 

Brettchenweben verfolgt insbesondere die Besucher von Freilichtmuseen durch alle Epochen - vielleicht nur noch übertroffen von Bällchen filzen als Aktion für Kinder. Präsentiert werden häufig modere Muster wie das sog. "Widderhorn" mit Ursprung im anatolischen Hochland. In diesem Vortrag soll versucht werden den Weg von der Rekonstruktion dieser Technik, über die Publikationen von archäologischen Funden bis hin zu Veranschaulichung im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit nachzuzeichnen.

 

Im Jahr 1901 erschien die Veröffentlichung "Über Brettchenweberei" von M. Lehmann-Filhés, im Jargon der Zeit eine "Spezial-Arbeit" zu dieser textilen Technik. Die Autorin beschreibt die Rekonstruktion der Technik mit volkskundlichen Methoden. Diese Veröffentlichung ist die Basis für textilkundliche Arbeiten, die in diesem Vortrag vorgestellt werden sollen. Dabei geht es darum nicht nur eine Einordnung in den Interpretationskontext vorzunehmen, sondern auch die Seite der praktischen Anfertigungen mit den zugrundeliegenden Fragestellungen zu erläutern.

 

Die praktischen Anfertigungen dienen in der Öffentlichkeitsarbeit der Ur- und Frühgeschichte der Veranschaulichung des Fundmaterials und zugleich dazu das Paradigma der "Hochkultur" zu transportieren. Dies soll am Bespiel der Arbeit von K. Schlabow aufgezeigt werden, die in beiden untersuchten Arbeiten ebenfalls Erwähnung finden.

 

Ein Bogenschlag zu den Vorführungen im Bereich der heutigen musealen Öffentlichkeitsarbeit soll anhand der Technik selbst versucht werden: Veranschaulichung einer aus volkskundlichen Beobachtungen und archäologischen Funden konstruierten textilen Technik mit einem Musterkatalog aus dem frühen 20. Jahrhundert.

 

Primärliteratur:

Sage, G.: Die Gewebereste aus den Fürstengräbern von Sacrau unter besonderer Berücksichtigung der Brettchenweberei, Schlesien 5, 1934, S. 272 - 285

Schütte, M.: Brettchenweberei  (1942) http://linux2.fbi.fh-koeln.de/rdk-smw/Brettchenweberei Stand 20.8.2013

Fuhrmann, I.: Der Gewebefund von Pilgramsdorf, Prähistorische Zeitschrift 30/31, 1939/40S. 308 - 329

Schlabow, K.: Germanische Tuchmacher der Bronzezeit, Neumünster 1937

Donnerstag, 29. August 2013

Nachlese Archäotechnica Brandenburg

Eine der schönsten Veranstaltungen in diesem Jahr war bisher die Archäotechnica im Landesmuseum Brandenburg.

http://www.landesmuseum-brandenburg.de/de/veranstaltungen/archaeotechnica/

Für diese Veranstaltung habe ich meine Präsentation "Eisenzeit" und eine erweiterte "Stein- und Bronzezeit" ergänzt.

 
Muster für Zierbesatz: Fischwirbel, Bernstein, Gagat, Hirschgrandeln, Knochen und Nadeln




Gewebemuster: Wollgewebe und Gewebe mit Leinenkette und Wollschussfaden



Modell Textilfragmente aus dem Moor (Torfziegel, Wollgewebe, Hühnerknochen)

 
Muster Leinengewebe



Schnüre aus Lindenbast
 
Der Schautisch "Steinzeit und Bronzezeit" war auch beim Museumsfest im Neanderthal-Museum dabei. Mein erstes Museumsfest mit einem Angebot für Kinder! Bastschnüre mit Knochenperlen zwirnen kamen auch bei Erwachsenen gut an.
 
 

Dienstag, 26. März 2013

IRM 2013 - die Vorbereitungen

Auch in diesem Jahr werde ich wieder an der Reenactmentmesse IRM teilnehmen.


Hier ist der Link zur Veranstaltung:
http://www.reenactmentmesse.de/



Noch in Arbeit: Seidengürtel (Breite 3 cm) Bereich Anfang 13. Jahrh.


Ein paar Bänder und Kissen ......


und verschiedene Rechteckmantel-Modelle.

Voraussichtlich werde ich den für die Ausstellung "Treasures of the Middel Ages" 2011 im Kaiserpfalz Museum Paderborn vorbereiteten Vortrag:

"Archäologie in Bilder kleiden? Überlegungen zur Frauenkleidung bei den Westslawen"

in etwas überarbeiteter Form halten dürfen.

Montag, 4. März 2013

Ein weitere Borte in einfacher Köpertechnik

Neben sehr komplexen Brettchengeweben sind für die Zeitstellung 7.-10. Jahrhundert mehrere Beispiele technisch sehr einfach herzustellender Borten erhalten geblieben. Dazu würde ich vor allen Borten in einfacher Köpertechnik (Aufzug endlos, 4 Fäden pro Kärtchen, 2 Farben) zählen. Die Benennung der Brettchenwebtechnik als "Köpertechnik" ist aufgrund der diagonalen Strukturen im Webbild gebräuchlich.

In einem Artikel aus dem Jahr 2007 habe ich das so formuliert:
Pax & Gaudium „Mittelaltermärkte“
Brettchenweben der Wikingerzeit Teil 2: Einfache Muster in Köperbindung
"Für den Zeitraum vom 8. bis 10. Jahrhundert liegen verschiedene sehr gut erhalten Fragmente von brettchengewebten Borten vor, die in einfacher Köpertechnik hergestellt sind. Dabei fallen, wie schon bei den Mustern in Broschiertechnik, die meist extrem ähnlichen oder sogar analogen Muster auf. Dies ist in technischer Hinsicht durch die sehr charakteristische Struktur der Borten in dieser Technik bedingt, die bestimmte Musterabfolgen vorgibt. Borten wurden als Luxusgut wahrscheinlich, wie andere kostbare Textilen auch, über weite Strecken gehandelt und es gab sowohl Herstellungszentren wie auch einen regen Austausch über die klösterliche Textilfertigung. Nachweise liegen unter anderem für Deutschland, Belgien, den skandinavischen Raum und das Schwarzmeer-Gebiet vor."

Angeführt hatte ich Beispiele von den Fundorten: Mammen, DK, St. Catherine´s Maaseik, B, Moščevaja Balka (Nordkaukasus) mit Vorschlägen für Webbriefe, die zwischen 2004 und 2006 von mir erstellt wurden.

Einige weitere Beispiel von Borten in Köpertechnik finden sich gelegentlich als Ärmelabschlüsse an sog. "koptischen Textilen" aus Oberägypten. Die Motive sind geometrische Formen und Dreiecke, wie z.B. an einem Ärmelfragment aus Achmim, das ins 7./8. Jahrhundert datiert wird. Die verwendeten Materialen werden mit Wolle und Leinen angegeben.

Ein weiteres erhaltenes Stück ist im Textilkomplex zu den Reliquien des Heiligen Céasire d´Arles (470- 542) erhalten geblieben. Die überlieferte Bezeichnung ordnet das Stück der Stola zu. Detailinformationen wie Farbgebung, Datierung, Material und erhaltene Länge liegen mir leider nicht vor. Der Musterentwurf ist nach Abbildung Fig.42 der in den Literaturangaben aufgeführten Veröffentlichung entstanden. Es lassen sich zwei verschiedene Musterfelder erkennen, eine Raute mit Dreiecken und eine weiteres (undeutliches) Motiv. Die Entwürfe zu den beiden anderen Rautenmotiven stammen von mir.


Ausführung in Wolle der Firma Traub 22/2, Webbreite 1,8 cm, 17 Musterkärtchen.



Interessant ist, daß sich alle im Text genannten Motive mit dieser Kärtchenanzahl - also von einer Kette - realisieren lassen.

Eine Deutung der Muster als spezifisch "wikingische", gallische, angelsächsische, karolingische etc. möchte ich gern aufgrund der vergleichsweise simplem Webtechnik, der soweit festellbarbar, sehr verschiedenen Materialen und natürlich der weiten Verbreitung ausschließen. Soweit feststellbar scheinen die Bänder entweder im klerikalen Kontext (in Verbindung mit anderen hochwertigen Textilen) oder in Gräbern mit hochwertiger Ausstattung nachweisbar (Mammen, Moščevaja Balka).

Literatur:
Collingwood, P.: The Techniques of Tablet Weaving, Oegon 1982
Gustav-Lübcke Museum Hamm, Museum für Spätantike und Byzantinische Kunst (Hrgs.): Ägypten Schätze aus dem Wüstensand; Kunst und Kultur der Christen am Nil (Katalog zur Ausstellung), Wiesbaden 1996
Ierusalimskaja, A. A.: Die Gräber der Moščevaja Balka; Frühmittelalterliche Funde an der Nordkaukasichen Seidenstraße, München 1996
Munksgaard, E. Oldtidsdragter, Kopenhagen, 1974
Ozoline, A.: Trésors de la Gaule chrétienne: histoire et restauration des reliques textiles des saint Césaire dArles, Arles 2008
Spies, N.: Ecclesiasticaö Pomp & Aristocratic Circumstance; A thousand Years of Brocaded Tabletwoven Bands, Jarrettsville, Maryland 2000

Duisburg, 4.3.2013

Samstag, 16. Februar 2013

Ein paar Gedanken zum Begriff "Rekonstruktion"
 ....... insbesondere was textile Dinge angeht

Seit ein paar Jahren verfolgt mich der Begriff "Rekonstruktion".

Wir erschließen uns den Blick auf die Vergangenheit und aus unserem Wissenstand und Kontext. Bei der Anfertigung von Gegenständen, die die Sicht auf die Vergangenheit zu visualisieren vorgeben, gilt das auf zwei Ebenen. Zum eine was den Inhalt betrifft und zum anderen was die Umsetzung angeht.
Lutz Niethammer hat in "Kollektive Identität - Heimliche Quelle einer unheimlichen Konjunktur"" aus dem Jahr 2000 für die Verwendung bestimmter Begriffe die Formulierung "Plastikwort" (S. 33 ff.) vorgeschlagen. Wenn ich für mich aufrufe in welchen Kontexten der Begriff "Rekonstruktion" verwendet wird, erinnert die Bandbreite mich spontan an ein solches Gummiband.

Geht man die Begründungen für die Begriffsverwendung durch, verändert sich das Bild.
Rekonstruktion als Veranschaulichung der eigenen Vorstellung mit den eigenen Mitteln -
allerdings häufig mit der Einschränkung über die Anfertigung der Selben zu einer eigenen Vorstellung der Vergangenheit finden zu wollen.
Oder noch haptischer: über die Ausübung einer Technik das Fremde und Trennende zwischen unserer Wirklichkeit und den Fragmenten einer Vergangenheit überwinden zu wollen, zu der keinen lebendige Erinnerung bestehen kann. Also nicht mit dem Fahrstuhl, sondern mit dem Webstuhl in die Vergangenheit. Mit dem spirituellen Brückenschlag über die Ausführung einer Technik.
Die Verwendung des Begriffs "Rekonstruktion" für die Anfertigungen von textilen Werkstücken scheint dabei einem internationalen Code anzugehören und erfüllt noch weitere Merkmale aus dem Katalog den Lutz Niethammer unter Berufung aus Uwe Pörksen anführt.
So schafft die Verwendung des Begriff, neben der Beherrschung komplexer Handarbeitstechniken, eine Art internen Expertentums, das insbesondere dort gern abgerufen wird, wo es auf Dekoration ankommt. Das heißt z.B. in der Öffentlichkeitsarbeit und im Bereich der Medien.

Die Arbeit mit Öffentlichkeit und Medien ist ein Markt, der bedient werden will. Und dem alten Slogan "Sex sells!" folgend, verkauft sich das Apfel mit Bio-Label besser als ein Apfel, ein schlichtes Modell. Der Begriff verselbstständigt sich über den inflationären Gebrauch und das attraktive Label.

Für mich persönlich heißt das, wenn ich ein Band webe - habe ich ein Band gewebt. In dem einen oder anderen Fall durfte ich ein Blick auf das Original werfen - entweder weil das Stück der Öffentlichkeit zugänglich ist, oder weil ich das Glück hatte im Rahmen eines Auftrags oder Praktikums ein Stück näher betrachten (wie z.B. 2009 die Thorsberg-Hose). In vielen Fällen ist es möglich mit publizierten Material (Bilder + Beschreibungen) zu Arbeiten. Beginnend mit einer Technikstudie beim Erstellen des Webbriefs, kann ich dann über die Materialauswahl ans Weben gehen. Und mein Ergebnis ist ein Band - eine textile Vorstellung, wie ein winziges Fragment losgelöst vom ursprünglichen Kontext und mit für mich nicht nachvollziehbarer Wirkung auf den Zeitgenossen.

Das Band bleibt ein bestenfalls eine textile Illustration meiner - ebenso bestenfalls wissenschaftlichen - Welterschließung. Und aus der Positionierung der Welterschließung heraus bin ich - ohne Anspruch auf Qualität und Vollständigkeit - in der Lage das Werkstück in eine komplexe Visualisierung einzubinden.

Fortsetzung folgt ……..