Dienstag, 9. Oktober 2012


Zurück von der Jahrestagung der EXAR
http://www.exar.org/html/deutsch/tagung_aktuell.html

Eine großartige Tagung mit interessanten Vorträgen und Gesprächen. Ich stelle hier - wie versprochen - das Abstrakt zu meinem Vortrag ein:

Illusion als Rekonstruktion
Geschichtsillustrierende Textilarbeiten zwischen Bildersturm, Materialrekonstruktion und Schaubude

Der Wunsch, eine bildliche und damit unmittelbar wirkende Veranschaulichung historischer Gegebenheiten zu schaffen, lässt sich bis weit vor die Herausbildung der modernen Wissenschaften an Hand zeitgenössischer Abbildungen aufzeigen. Verbildlichung, Illustration und rekonstruierende Darstellung bewegen sich an Schnittstellen zwischen Kunst, Wissenschaft, Pädagogik und - nicht selten - Politik. Im Designprozess werden in der Neuzeit überwiegend frei gestaltete Elemente mit Gegenständen der Sachkultur (archäologische Funde und anderweitig tradierte Relikte) zu einem Gesamtbild dekoriert. Die Gestaltung spiegelt den Kenntnisstand, die Positionierung und den Kontext der Bearbeiter - insbesondere dann, wenn ein Entwurf plastisch umgesetzt wird.

In Bezug auf organische Materialen tritt die Lückenhaftigkeit und Spärlichkeit der erhalten Objekte besonders deutlich zu Tage. Textilen sind jedoch - selbst bei minimal bekleideten Lebensbildern - richtungsweisend für den erzielten Eindruck. Ausgehend von den immanenten und klar formulierten Inhalten und Botschaften kann Rekonstruktion, ergänzend zur materialgetreuen und damit lückenhaften Wiederherstellung exponierter Gegenstände, nach Aleida Assmann als "Ausdruck eines neuen Verhältnisses gegenüber der Vergangenheit" gesehen werden. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist der Prozess der Visualisierung von Geschichte ein gestaltender Ausdruck im Prozess der Aneignung von Geschichtsbildern und Deutungen. Vielleicht bietet der Ansatz von Aleida Assmann, die Verschiebung im Verhältnis zwischen Zukunft und Vergangenheit in Bezug auf die Wandelbarkeit und das Auftauchen völlig neuer Episoden, eine Erklärungsmöglichkeit für die wachsende Szene unter dem Schwerpunktbegriffen Reenactment und Living History. Über historische Kleidung wird verbreitet eine Identifikation, vornehmlich mit der eigenen Vergangenheit, gesucht und in dieser (Laien-) Öffentlichkeitsarbeit ein selbstgewähltes Geschichtsbild vermittelt. Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Phänomens steht erst am Anfang und soll nicht Gegenstand dieses Vortrags sein.

Im Vortrag soll ein Ansatz vorgestellt werden, Lebensbilder und geschichtsillustrierende Textilarbeiten als poietische, für einen bestimmten Vermittlungszweck geschaffene, Werke zu erstellen. Aufgezeigt werden sollen die einzelnen Schritte der praktischen Arbeit unter Betonung der geschichtswissenschaftlichen Quellenkritik und möglicher qualitativer Einschränkungen durch schlichte Sachzwänge. Als Methodenvorschlag wird die Möglichkeit aufgezeigt, Idealtypen nach Max Weber zu definieren und als Gestaltungsgrundlage zur Anwendung zu bringen. Das Anliegen ist die Erstellung von Idealrekonstruktion als Projektionsfläche für überkomme Gegenstände der Sachkultur. Deutlich abgegrenzt jedoch vom Entwurf einer linearen Entwicklungsline in der textilen Technik als positivistische Sichtweise.

Angerissen werden sollen in diesem Zusammenhang die Möglichkeiten, geschichtsillustrierende Textilarbeiten in die angestrebte Narration von musealen Präsentationen einzubinden. Textilen und Lebensbilder als (haptische) Illustrationen bergen das Potenzial, aktuelle Paradigmen der Forschung zu veranschaulichen und damit zu transportieren. Dabei ist jedoch zu beachten, dass es über den musealen Einsatz illustrierender Werke nicht zu einer Referenzlegitimierung kommt. Museumspräsentationen benötigen keinen kritischen Anmerkungsapparat, deshalb können mit großer Stringenz überholte Anschauungen weitergetragen werden. 

Der Fernsehdokumentarismus bedient sich, wie auch auf historische Identität basiertes touristisches Marketing, nicht nur der Beratungstätigkeit von Museen als Schnittstelle zur Öffentlichkeit. Lücken in der Illustration - oder die Verweigerung der Visualisierung - bieten eine Projektionsfläche, die gefüllt wird. Zu fragen wäre von wem und mit welchen Inhalten.

Sylvia Crumbach Oktober 2012, alle Rechte vorbehalten

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