Sonntag, 2. Juli 2017

Wikinger und Westslawen - die Kleidungsfrage




Kein Bild von der "civitas magna Slavorum" verfügbar?

Eins haben sowohl "Wikinger" wie "Westslawen" gemeinsam: keine, bzw. wenig, eigene Überlieferung in Bild und Schrift. Chronisten aus geistlichem und (entsprechend seltener) weltlichen Kontext begegneten der fremden Welt mit verschieden Intensionen und Aufgaben. Diesen wiederum stellen sich heute Wissenschaftler mit Werkzeugen der Quellenkritik. Ihren Ergebnissen liegen Forschungsfragen zugrunde, die oft nicht die Erwartungen und Wünsche der Kostümrecherche für Illustrationen und/oder Living History treffen (und treffen können).  Trotz wertvoller Hinweise entsteht die Welt der materiellen Kultur aus Funden/Befunden mit unintendierter und zufälliger Überlieferung. Und diese Welt entsteht ständig neu, da Forschung und Interpretation permanent (auch an Wochenenden) stattfindet. Darüber hinaus lassen sich aus dem Speichergedächtnis, den Assmanns sei Dank, wissenschaftliche Ergebnisse, Bilder und Programme der letzten ca. 150 Jahre abrufen. Dieses Angebot, oder auch Überangebot, ist kaum überschaubar.  

Je häufiger ein Bild gezeigt wird, desto vertrauter wird es. Durch mediale Bilderflut erscheinen "Wikinger" lebensnah in historischer Wahrheit. Schalenspangen als "Trachtschmuck" bilden fast ebenso vertraute Marker wie Trägerkleider mit großflächigen Stickereien und einem erstaunlichem Maß an Brettchengeweben. 

Aber wie sieht es eine knappe Autostunde von Haithabu entfernt aus?
Zum Beispiel in der "civitas magna Slavorum" - Oldenburg in Holstein?

Bleiben wir einen Moment im mutmaßlich sicheren Hafen - bei den Hafenfunden von Haithabu. Eine Fülle wunderbarer Textilen - aber von wem eigentlich? Inga Hägg sieht die Stoffreste in enger Beziehung zu den Bewohnern der Siedlung - von Kaufleuten und Handwerkern [1]. Ohne die ethnische Deutung des Fundkomplexes scheint es kaum möglich Fragment für Fragment auf mutmaßliche Wikinger, Slawen  (noch aus Reric???) oder gar Personen aus dem Rheinland (?) aufzuteilen. Verkürzt, wie es für populäre Darstellungen kaum anders möglich ist, wird aus Fragment 22 A-C[2] dann schnell eine Wikingerhose. Das soll nicht die Freude darüber trüben in Anbetracht der spärlichen Überlieferungslage für Textilen überhaupt eine Hose zu kennen. Mechthild Müller erkennt eben diese auf verschiedenen zeitgenössischen Abbildungen bildlich dargestellt für völlig andere Kontexte und Personengruppen[3].

Was ist das Eigene im Fremden?
Joachim Herrmann scheint völlig seiner Zeit und den Forschungspradigmen der DDR verpflichtet [4]. Es ließ sich ein wunderbares und geschlossenes Bild gewinnen, wunderbare Textilfunde aus dem "Osten" schienen integrierbar - ein Bild, das sich leider in meinen eigenen ersten (Laien-)Aufsätzen aus den 1990ern farbenfroh spiegelt. Wer heute in die Thematik einsteigen möchte, kann anders starten. Einen Überblick zur "Archäologie der westlichen Slawen" stellte 2008 Sebastian Brather vor (2. Auflage). Ein guter Start zur Suche nach den überlieferungsbedingt spärlichen textilen Spuren. Vielleicht ist dabei Zeit für einen kleinen Umweg über Bornholm, für das Magdalena Naum im 2008 erschienenen "Homelands lost and gained" auf die Möglichkeiten eingeht Migranten aus Holstein anhand ihrer Grabbeigaben auszumachen.
Zu den spärlichen zeitgenössischen Frauenabbildungen gehört das kleine Figürchen aus Briest[5], grobe Umrisse von Männern, wie die Bildplatte aus Altenkirchen, Kreis Rügen, sind etwas häufiger. Während das Bild von Kontur und Idealbild verschwommen bleiben muss, jedenfalls was die Kleidung angeht, liefern textile Artefakte Details. Gelegentlich tun das auch Artefakte aus Leder, wie z.B. der hervorragend erhaltene Schuh aus Schardorf, Kr. Plön [6] oder Werkzeuge zur Textilproduktion wie Webgewichte, Nadeln und Spinnwirtel.

Fundorte, die mit Erhaltung von textilem Material aufwarten können, bleiben rar. Noch nicht in vollem Umfang veröffentlicht sind die Ergebnisse aus Oldenburg i.H. Einen Überblick über die Gräber legten Ingo Gabriel und Thorsten Kempe 2011 vor. Details zu mineralisierten Spuren organischer Anhaftungen lassen sich im 2003 von Ingo Gabriel und Heidemarie Farke veröffentlichten Aufsatz nachlesen.

Grade für einen Hauptort wie Oldenburg in Holstein stellt sich die Frage nach der Übernahme von "Luxusprodukten" bei den lokalen Eliten. Die Stirnbinde (Vitta) aus Kindergrab 69 und die mutmaßliche Ärmelborte, hergestellt unter Verwendung von Goldlahnfäden westeuropäischen Typs[7], geben neben Bauresten wertvolle Indizien.

Dieser Problemaufriss scheinbarer Sicherheit der Wikingerbilder gegenüber den nebulösen Abbild ihrer Nachbarn in Ostholstein, Meckenburg-Vorpommern und weiteren angrenzenden Gebieten kann weder eine umfassenden Literatursammlung zur textilen Artefakten im westslawischen Siedlungsgebiet liefern, noch Lösungen auf dem Weg zu verlässlichen Bildern für beide Bereich anbieten. Tatsächlich kann jede Diskussion jedoch ein Anstoß zum Nachdenken sein - und ein kleines Stolpersteinchen (wir kennen in Ostholstein den berühmten "spitzen Stein") zum Umgang mit vorgefertigten Geschichtsbildern.

An den Schluss meiner Betrachtung möchte ich etwas Werbung setzen. Zum einen für die 2012 erschienen Veröffentlichung zur jungslawischen Feuchtbodensiedlung von Parchim-Löddingsee, Kr. Parchim mit einem Beitrag zu den Textilfunden an Anja Bartel. Hier findet sich eine vielzahlwertvoller Literaturhinweise für weiterführende eigene Recherche.

Zum anderen gibt es Werbung für die diesjährige Archäotechnika im Pauli-Kloster Brandenburg, die unter dem Motto "Deutsche und Slawen im Mittelalter" steht. Dort werde ich mit einem Textil-Infostand und Vorträgen zu Kostümen vertreten sein.




Mein Gestaltungsvorschlag für Oldenburg i.H. / Starigard um 1000. 
Foto aus 2011 (Ruine Kaiserwerth/Düsseldorf). Foto: Heinz-Peter Crumbach


Literatur:

Brather, S.: Archäologie der westlichen Slawen. Berlin/New York 2008 (2. Auflage).

Gabriel, I.: Hofkultur, HJeerwesen, Burghandwerk, Hauswirtschaft. In: Müller-Wille, M. Hrgs.: Starigard/Oldenburg Ein slawischer Herrschersitz des frühen Mittelalters in Ostholstein, Neumünster 1991 (181-250).

Gabriel, I. & Farke, H.: Mineralisierte Spuren organischer Auflagerungen an metallenen Beigaben des 10. Jahrhunderts von Oldenburg/Starigard in Holstein. In: Textilien aus Archäologie und Geschichte: Festschrrift für Klaus Tidow. Neumünster 2003, ( 165-17).

Gabriel, I. & Kempe, T.: Starigard/Oldenburg: Hauptburg der Slawen in Wagrien. VI Die Grabfunde: Einführung und archäologisches Material. Neumünster 2011.

Hägg, I.: Die Textilfunde aus dem Hafen von Haithabu, Neumünster 1984.

Heindel, I.: Riemen- und Gürtelteile im westslawischen Siedlungsgebiet. Berlin 1990.

Herrmann, J. (Hrsg.): Die Slawen in Deutschland: Ein Handbuch, Berlin 1970.

Müller, M.: Die Kleidung nach Quellen des frühen Mittelalters: Textilen und Mode von Karl dem Großen bis Heinrich II. Berlin/New York 2003.

Müller, D.: Schartorf: Eine slawische Burg in Ostholstein und ihr Umland. Neumünster 1990.

Müller-Wille, M. Hrgs.: Starigard/Oldenburg Ein slawischer Herrschersitz des frühen Mittelalters in Ostholstein, Neumünster 1991.

Naum, M.: Homelands lost and gained: Slavic migration and settlement on Bornholm in the early Middle Ages. Lund 2008.

Paddenberg, D.: Die Funde der jungslawischen Feuchtbodensiedlung von Parchim-Löddingsee, Kr. Parchim, Mecklenburg Vorpommern, Wiesbaden 2012.


[1] Hägg 1984, 11
[2] Hägg, 1984, 28
[3] Müller 2002, 66-71
[4] Herrmann, 1970, 3ff.
[5] Heindel 1990, 98.
[6] Meier 1990, Tafel 40.
[7] Gabriel 1991, 203.




Montag, 26. Juni 2017

Wikingerkleidung - noch mal (fast) 10 Jahre weiter ........

Anfang 2008 habe ich an einem Artikel für das Sonderheft "Wikinger" der Zeitschrift Pax & Gaudium gearbeitet. Mein letzter Artikel vor einer Art schriftlichem Winterschlaf mit Beginn des Studiums und der Teilnahme an der NESAT-Tagung in Kopenhagen 2008.

Im Jahr 2010 erschien eine gekürzte und mit einem Fremdfoto versehene Version des Artikels in der Zeitschrift "Miroque".

Auf Nachfrage stelle ich den vollständigen Artikel (unverändert) hier ein. Das Foto zeigt meinen damaligen "Stand der Dinge" in Sachen Wikinger-Kleidung aus dem Jahr 2004 bei einem Auftritt zusammen mit Jörg Nadler im Garten des Haithabu-Museum in Schleswig. Das war noch vor Baubeginn der Häuser auf dem Gelände.

Ein Hinweis vorab: Es handelt sich um einen Zeitschriftenartikel, darum sind keine Fußnoten gegeben.





Kleidungsrekonstruktion oder
Wikingermode aus dem Versandhaus -
eine kritische Betrachtung

Ich kann mich noch genau erinnern, wie erschrocken ich war, als mir zum ersten Mal klar wurde wie die Fundlage zur Kleidung in der „Wikingerzeit“ sich wirklich darstellt. Das ist mittlerweile 10 Jahre und viel Geld für Fachliteratur her. Zeit für einen Rückblick.

Wikingerkleidung in der Forschungsgeschichte
Der Wunsch nach einer anschaulichen Vermittlung von Geschichte hat – besonders in den skandinavischen Ländern – eine lange Tradition. Kleidung ist ein bestimmender Faktor, um ein lebendiges Bild vergangener Epochen zu schaffen. Kostümentwürfe für historisierende Filme und Theaterstücke wurden schon Ende des 19. Jahrhunderts mit Schmuckstücken und Waffen aus dem archäologischen Fundgut dekoriert. In einigen Fällen spiegelte sich der damals aktuelle Forschungsstand wieder – andere Kostüme sind ein reiner Spiegel des Zeitgeistes. Manche Details und Entgleisungen verfolgen das populäre Bilder der Wikinger Bumerang-artig: der berüchtigte Hörnerhelm, die rot-weißen Segel der Wikingerschiffe …
Eine der ersten umfassenden wissenschaftlichen Betrachtungen zur Kleidung der Wikingerzeit findet sich in den Bänden zu einem der bedeutendsten Gräberfelder dieser Epoche, der seit 1871 bekannten Siedlung auf der Insel Björkö im Mälar-See: die Frühstadt Birka. Der durch Agnes Geijer 1938 veröffentlichte Band III enthält die Auflistungen der textilen Funde sowie die Einordnung der Funde in den Kontext der Textilforschung. Ebenfalls auf das Fundmaterial aus den Gräbern von Birka stützt sich die 1974 erschiene Veröffentlichung von Inga Hägg „Kvinnodräkten i Birka – Die Frauentracht von Birka“.
Die wohl größte Menge an erhaltenen Textilfragmenten für unseren Kontext kam aus Fundzusammenhängen der Frühstadt Haithabu in der Nähe von Schleswig zu Tage. Die  Funde wurden 1984 und 1991 durch Inga Hägg publiziert. In allen Übersichtswerken zu Textilfunden im Norden finden sich auch Artikel zu wikingerzeitlichen Fragmente. Bekannte Beispiele sind die Funde von Mammen und Oseberg, die in der Bearbeitung ebenfalls wichtige Hinweise zum Verständnis der Trachtsitten im Norden erbracht haben.

Ein lebendiges Bild schaffen – wie geht das?
Um aus den wenigen erhalten Textilfragmenten – das größte in Birka aufgefundene Fragment eines Hängerocks ist ca. 20 cm lang – ein Bild eines kompletten Kleidungsstücks zu schaffen, sind viele Überlegungen nötig.
Die wichtigste Rolle spielen die erhaltenen Realien. Dabei finden nicht nur Stücke der originalen Stoffe Beachtung, sondern auch die detaillierte Analyse der Lage im Grabzusammenhang und die Einordnung in Schichten. Auch die Anordnung der Trachtbestandteile aus Metall gibt Hinweise auf die Trageweise der Kleidung. Voraussetzung ist natürlich immer die Annahme, dass die Verstorbenen zwar in einer festlichen, aber doch im Leben wirklich getragenen Kleidung bestattet sind. Für diese Annahme gibt es jedoch in vorchristlicher und auch in der frühen christlichen Zeit sehr viele Belege. Im nächsten Schritt können die Textilfunde in den Kontext früherer und zeitlich späterer Funde gestellt werden. Für das frühe Mittelalter kann auf eine Fülle von zeitgenössischen Abbildungen und Textquellen zurückgegriffen werden. Die Auswertung dieser Quellen kann mit den Funden und Befunden in Zusammenhang gesetzt werden. Eine letzte Möglichkeit ist das hinzuziehen von Trachtbeispielen aus der neuzeitlichen Volkskunde. Diese Methode hat jedoch seit der Zeit der frühen Forschung an Bedeutung verloren.



Der Teufel sitzt im Detail – Analyse der Gewebe
Trotz schlechter Erhaltungsbedingungen können auch kleine Fragmente von Textilien sehr viele Informationen zu den verwendeten Stoffen und Rohmaterialen liefern. Häufig sind Überreste von Geweben an Schmuckstücke aus Metall ankorrodiert – die eigentliche Faser ist zerstört – aber der Abdruck erlaubt mit geeigneten Methoden eine Analyse von Material und Verarbeitung. Mit chemischen Verfahren ist es bei Textilresten aus Feuchtbodenerhaltung in einigen Fällen möglich, die ursprüngliche Farbe zu bestimmen. Mit chemischen Methoden lässt sich bei Fasererhaltung auch aus kleinsten Materialmengen die Herkunft der Fasern (bei Wolle) bestimmen oder klären, ob das Material z.B wirklich ein Überrest chinesischer Seide ist.
Auch zu technischen Fragen können kleine Fragmente Aufschluss geben: Nähte, Randkanten und auch die Fadenstruktur selbst liefern bei fachgerechter Analyse viele Informationen. Ein Blick in nachgewiesene Nahtverbindungen ist vor Anfertigung eines Kleidungsstücks sehr hilfreich – auch bei der Anpassung der Stichart- und Länge. Die Feinheit vieler historischer Nähte ist ein Ansporn für penibles Arbeiten. Randkanten von Geweben geben Hinweise auf die Webtechnik und die verwendeten Webstühle und ergänzen so die in der Siedlung aufgefunden Geräte (und Gerätefragmente) zur Textilherstellung.

Genau lesen … oder wichtige Quellenkritik!
Ein Beispiel gegen die Verallgemeinerung von als christlich betrachteten Kleidungssitten und die unreflektierte Übernahme von gesellschaftlichen Allgemeinplätzen ist die Kopfbedeckung der Frauen. Kopfdeckungen habe verschiedene Aufgaben zu erfüllen: zum einen sollen die Haar geschützt und am Platz gehalten werden, zum anderen ist eine Kopfbedeckung eine eindrucksvolle Möglichkeit, wertvolle Materialen zu verwenden. Kopfbedeckungen finden in Schriftquellen wie z.B. den erst viele Jahre nach dem Ende der Wikingerzeit niedergeschriebenen Sagas Erwähnung. Viele der Texte wurden schon im vorletzten Jahrhundert übersetzt und werden aktuell neu bearbeitet – mit neuen Erkenntnissen. Die zeitgenössischen Schriftquellen sind mehrheitlich im klösterlichen Kontext entstanden und spiegeln ein sittliches Idealbild – also nicht zwangläufig den realen Alltag. Das Fundmaterial ist häufig so fragmentiert oder spärlich, dass keine genaue Aussage möglich wird. So ist die detaillierte Auswertung von wikingerzeitlichen Kopfbedeckungen aus Dublin ein besonderer Glücksfall. Wertvolle Tücher, Schals und Kappen machen es wahrscheinlich, dass Kopfbedeckungen in jedem Alter getragen worden sind. Die alte Lehrmeinung vom Kopftuch der verheirateten Wikingerinnen ist zu überdenken – der oft gehörte Lehrsatz von den freien Heidinnen, die stolz die langen Zöpfe zur Schau trugen, sogar haltlos.


Kleidung als Spiegel der Gesellschaft?
Die besonderen Bedingungen, unter denen sich organische Materialien erhalten, sind besonders häufig für „reiche“ Bestattungen gegeben. Ein Beispiel sind die Fragmente von Textilien, die an Schmuckstücken aus Metall erhalten blieben. Auch die zeitgenössischen Abbildungen zeigen meist die Spitze der Gesellschaft. Aus diesem Grund lässt sich über die Kleidung der einfachen Leute fast keine Aussage treffen. Abstufungen in den Bestattungen können aufgrund der Beigaben aus Metall festgehalten werden, lassen sich aber nur in sehr beschränktem Maße auf die Gesellschaftsstruktur übertragen. Erschwerend kommt dazu, dass nur sehr wenige Gräber erhalten geblieben sind. Noch weniger Gräber konnten nach modernen Maßstäben erforscht werden. Ein Ergebnis ist jedoch klar herauszustellen: zu einer hochwertigen Schmuck und Waffenausstattung gehören hochwertige Textilen. Ein Schwert – als Waffe der Elite – passt nicht zu grober ungefärbter Wolle. Folgt man im Lebensbild der durch die Waffe vorgegebene herausragende Stellung in der Gesellschaft, ist der Griff zu Seide, Goldlahn und anderen hochwertigen Materialen nahe liegend.

Die wissen es auch nicht genau! – Textilforschung und Reenactment
Die Textilforschung hat vielfältige Aufgaben zu erfüllen – die Frage nach dem Aussehen der Kleidung ist nur eine Einzige davon. Das aktuelle Bild einer „typischen“ Bekleidungsrekonstruktion ist umstritten und nicht immer klar greifbar – schon ein einziger Neufund kann alles verändern. Außerdem ist es wichtig immer zu bedenken, wie spärlich die Fundlage ist. Gleichzeitig geben kleinste Hinweise aus der Analyse von Fragmenten Anhaltspunkte in bestimmte Richtungen. Immer sollte bedacht werden, dass eine Tracht der Oberschicht in der historischen Zeit Statussymbol und Wertanlage gewesen ist. Diesem Prinzip sollten die Anfertigungen im Detail folgen – lieber mehr lesen, weitere Ergebnisse abwarten und auf hochwertige Materialen sparen …

Fakten, Fakten, Fakten … Welche Funde liegen vor?
Die umfangreichsten Funde von textilem Material liegen aus der Frühstadt Haithabu vor. Unterteilt werden können die Funde nach Überresten aus den Gräbern, der Siedlung und aus dem Hafen. Im anderen bestimmenden Fundkomplex, der Frühstadt Birka, sind die Textilien in Gräbern erhalten geblieben. Es gibt sehr viele weitere Fragmente aus kleineren Fundkomplexen, die sich in der Literatur nachvollziehen lassen. Für die Rekonstruktion der Trachten im Gesamtbild sind in erster Linien Fundkomplexe und Fundumstände maßgeblich, die Hinweise auf die Gestaltung der Kleidungsstücke gegeben. Die Zuordnung von Textilfragmenten zu bestimmten Kleidungsstücken ist nicht immer unumstritten – wie beispielsweise die Diskussion um das Fragment eines Kapuzenkragens (Gugel) aus Haithabu zeigt. Letztendlich können nur viele Hinweise zusammengeführt werden – immer natürlich vor dem Hintergrund, dass es möglicherweise starke regionale Unterschiede in der Gestaltung der Details gegeben hat. Die Möglichkeiten zur Rekonstruktion sollen im Folgenden an einem Beispiel aufgezeigt werden:
Einige Hinweise zum Hängerock
Den Zusammenhang zwischen dem "germanischen" Peplos, einem rundgewebtem Schlauchkleid, dass auf den Schultern mit Fibeln gehalten wird, und dem Hängerock legte A. Gejir bereits in ihrer Veröffentlichung „Birka III“ 1938 dar. Viele neue Hinweise haben seit dem den Hängerock als Kleidungsstück zu den im Norden, aber auch in einigen russischen Gebieten verbreiteten Schalenspangen gefestigt. Zum genauen Aussehen und dem Schnitt dieses Kleidungsstücks sind die Hinweise jedoch spärlich. Funde von Fragmenten aus Haithabu  (größte Abmessung 30,0 x 16,0-23,0 cm) legen ein enges Kleidungsstück nahe, dass erst über den Hüften weiter wurde und aus mehreren Stücken konstruiert war. Details der Fragmente aus einer Bestattung, die in der Nähe von Köstrup, Insel Fünen, DK, aufgefunden wurden, legen durch viele Falten unterhalb einer Besatzborte zwischen den Schalenspangen ein weites Kleidungsstück nahe. Alle Hinweise deuten jedoch auf ein geschlossenes Kleidungsstück hin, dass durch schmale Träger aus textilem Material (vermutlich genähte Stoffstreifen von ca. 0,5 cm Breite) an Schlaufen in den Spangen gehalten wurde.
Dieses Bild wird durch einen spektakulären Neufund aus Pskov (Russland) bestätigt. In einem Kammergrab, dass möglicherweise dem wikingischen Bevölkerungsanteil zuzurechnen ist, wurde unter dem Boden der Grabkammer in einem Behältnis ein ganzer Satz Frauenkleidung aufgefunden – unter anderem ein in großen Fragmenten erhaltener, mit farbigen Seidenstreifen besetzter Hängerock mit Schalenfibeln. Die wissenschaftliche Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen – die erste Präsentation der Ergebnisse zeigt jedoch ein sehr weites, rundum geschlossenes Kleidungsstück mit schmalen Trägern. Der vermutlich aus der zeichnerischen Umsetzung des Wikingerbildes stammende Entwurf eines Kleidungsstücks aus zwei schmalen Stoffbahnen mit breiten Trägern wird auch durch diesen Fund noch unwahrscheinlicher.

Die Trachten im Ostsee-Raum – Bevölkerungsgruppen und Tracht
Für die Frühstadt Haithabu wird eine bunte Mischbevölkerung angenommen. Das macht die Zuordnung der Textilfunde aus dem Hafen und der Siedlung schwierig. Es ließen sich einige Leitformen herausarbeiten – die Zuordnung zu „Volkstrachten“ ist allerdings umstritten. In der Forschung wird angenommen, dass  die einzelnen Bevölkerungsgruppen versucht haben, sich durch Kleidung abzugrenzen – wie auch durch Schmuck und unterschiedliche Bestattungssitten. Immer muss dabei allerdings bedacht werden, dass alle „Modephänomene“ sich größtenteils auf die Oberschicht beschränkt haben. Eine Übertragbarkeit von Zierelementen auf „einfache“ Materialen ist zwar nicht auszuschließen – scheint aber anhand der Quellenlage nicht wahrscheinlich. Zu Vermuten ist beispielsweise, dass Brettchengewebe als Zierelement aus hochwertigen Materialen wie z.B. Seide und Goldlahn eine keine simplen Entsprechungen aus grober Wolle hatten.
Eine einschneidende Veränderung der Bekleidung geht mit der Übernahme des Christentums einher. Inwieweit allerdings eine tatsächliche „Glaubenskopplung“ angenommen werden kann, wird sich nicht klären lassen. Die regionaltypischen Trachtbestandteile aus Metall, die auch tragende Bestandteile z.B. der Hängeröcke sind, verschwinden und machen einer in ganz Europa verbreiteten Tracht, die als Schmuckelement nur eine einzelne Fibel benötigt, Platz. Ausnahmen sind bestimmte slawische Bevölkerungsgruppen in Deutschland und die baltischen und finnischen Bevölkerungsgruppen im Norden.
Die Übernahme der so genannten Kontinentalen Tracht ist nicht auf die Kleidung der Frauen beschränkt. Die Textilfragmente aus dem reichen Männergrab von Mammen deuten auf eine Tracht, die beim europäischen Adel üblich gewesen ist. Die Vorstellung eines reichen „Wikingers“ mit Beinlingen, Tunika und Halbrundmantel kann nicht als abwegig betrachtet werden. Die bekannte und in vielen Ausstellung gezeigte Rekonstruktion mit bestickter Tunika, einem mit zartem Murmeltierpelz gefüttertem Halbrundmantel mit einem pinken Bindeband mit Goldapplikationen mag nicht zum Bild des wilden Wikingers passen  - ist aber ein Denkanstoß.

Literaturangaben und weiterführende Informationen gern per Mail!
Sylvia Crumbach, Duisburg
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Tipps zum Weiterlesen:
Informationen um Fundkomplex Pskov

Hägg, I. Kvinnodräkten i Birka, Uppsala 1974 (mit Zusammenfassung in Englischer Sprache)
Hägg, I.: Die Textilfunde aus dem Hafen von Haithabu, Neumünster 1984
Hägg, I.: Die Textilfunde aus der Siedlung und aus den Gräbern von Haithabu, Neumünster 1991

Price N. S., Neil: The Viking Way, Religion an War in Late Iron Age Scandinavia, Uppsala 2002
Analysen interessanter Grabinventare und anschauliche Interpretationen